Zeigarnik-Effekt für einen ausgeglichenen Familienalltag nutzen

Zeigarnik-Effekt für einen ausgeglichenen Familienalltag nutzen
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Einführung

Unser alltägliches Leben ist voller ToDo’s, die kurz- oder langfristig zu erledigen sind. Vermutlich kennt jeder von euch den Frust bestimmte Aufgaben nicht wie geplant erledigt zu haben. Es gibt Aufgaben, die wir immer wieder auf später verschieben müssen und die manchmal sogar zu solchen Aufgaben werden, die wir nie richtig abschließen können. Wir finden dafür einfach nie genügend Zeit und andere Dinge haben immer Vorrang. So schleppen wir diese Aufgaben ständig in unserem Kopf mit uns mit und halten sie immer präsent.

Genau diese Tatsache sorgt dafür, dass wir zunehmend unruhig und gereizt werden, weil sich eben solche Aufgaben immer mehr anhäufen, wir irgendwann einen ganzen Berg an unerledigten Dingen ansammeln und nicht mehr wissen wie wir diesem Teufelskreis entkommen können.

Der Zeigarnik-Effekt

Den Zeigarnik-Effekt hat Anfang des 20. Jahrhundert die russische Psychologin Bljuma Zeigarnik an der Berliner Universität entdeckt und genauer beschrieben. Es geht hierbei um ein psychologisches Phänomen, das besagt, dass unser Gedächtnis viel eher unterbrochene und nicht zu Ende gebrachte Aufgaben abspeichert und so lange präsent hält bis die Aufgaben abgeschlossen werden. Dagegen erinnern wir uns an abgeschlossene Dinge viel weniger. Durch unerledigte Dinge entsteht in unserem Gehirn eine gewisse Spannung, wodurch wir zu Unruhe neigen und auf Dauer unzufrieden sind.

Dieser Effekt zieht sich durch unser ganzes Leben. Ganz besonders spürbar ist er im beruflichen Alltag, wo wir grundsätzlich mit regelmäßig anfallenden Aufgaben konfrontiert sind und wo wir uns organisieren müssen, damit die Arbeit vorangeht.

Genauso präsent ist dieses Phänomen jedoch im Familienalltag, auch wenn wir vielleicht im ersten Moment nicht darüber nachdenken. Es hat eine enorme Einflusskraft auf unsere Psyche, auf das allgemeine Befinden und die innere Zufriedenheit.

Zeigarnik-Effekt im Familienalltag

Als Mama kenne ich es nur zu gut, wie es ist Tausend unerledigte Dinge mit sich herumzutragen und den Kopf nie frei zu haben. Die Folge daraus ist die innere Anspannung, Unruhe und Dauerstress. Das wiederum wirkt sich auf unser Verhalten unseren Liebsten gegenüber aus und führt zu gereizter Kommunikation, zu Missverständnissen und zu Streitigkeiten. Dieser Zustand beschert uns einen Haufen Sorgen und Probleme, die wir unbewusst auf  unsere Kinder und auf unseren Partner übertragen können.

Es ist aber nicht nur für uns als Eltern eine Belastung, sondern auch für unsere Kinder, wenn wir sie unter Druck setzen. Wer kennt nicht die Situationen, in denen wir unsere Kinder zur Eile antreiben, weil wir unter Zeitdruck stehen. Ganz typisch sind Momente, wenn wir unsere Kinder auffordern ihr Spiel zu beenden, weil wir gemeinsam essen wollen oder weil es Zeit ist sich für‘s Bett fertig zu machen.

Genau solche Situationen können zu einem enormen Stressfaktor für unsere Kleinsten werden. Dabei müssen wir bedenken, dass wir als Erwachsene mit solchen Anspannungen viel besser umgehen können als unsere Kinder. Die kindliche Psyche ist dafür noch nicht ausgereift. Kinder können dadurch viel eher überfordert werden.

Es lohnt sich also in jedem Fall sich mit dem Zeigarnik-Effekt etwas näher zu beschäftigen und zu überlegen, wie man sich diesen zu Nutze machen kann, um die Anspannung in unserem Kopf zu lockern oder zu vermeiden diese Anspannung bei unseren Kindern zu erzeugen.

Strategie gegen eine Überreizung

Heutzutage ist unser Alltag oftmals sehr hecktisch und durchgetaktet. Verpflichtungen, Erledigungen und Termine halten uns täglich auf Trab. Der Familienkalender ist voll mit bunten Notizen und Remindern, damit wir ja nichts vergessen. Das erfordert von uns Eltern schon ein enormes Organisationsgeschick und nicht selten auch die vermeintlichen Multitaskingfähigkeiten.

Wie kommt man mit so vielen ToDo’s zurecht ohne einen Nervenzusammenbruch zu bekommen?

1. Aufgaben aufschreiben

Bei der ganzen Menge an Aufgaben gilt es in erster Linie sich alle Dinge, die wir zu erledigen haben, aufzuschreiben. Denn nur wenn wir alles aufschreiben, geht nichts unter und wir können nach und nach die einzelnen Aufgaben angehen und abarbeiten.

Daraus resultiert also eine ToDo-Liste. Mich erinnert das sehr an die Arbeit, wo dieses Instrument sehr wichtig ist. Es hat aber durchaus Sinn dies auch im Familienalltag zu nutzen, wenn die Familie wächst und wir merken, dass es zunehmend anstrengender wird unsere Tage und Wochen zu planen.

2. Prioritäten setzen

Dabei ist der nächste hilfreiche Schritt die gesammelten Aufgaben richtig zu priorisieren. Folgende Anhaltspunkte sind dabei wichtig:

  • Welche Aufgaben sind am dringendsten und müssen in jedem Fall erledigt werden?
  • Welche Aufgaben kann ich schnell und ohne großen Aufwand erledigen?
  • Welche Aufgaben sind mir besonders wichtig?
  • Welche Aufgaben kann ich abgeben?
  • Welche Aufgaben lassen sich verschieben und belasten mich nicht?
  • Gibt es komplexe, aufwändige und zeitfressende Aufgaben, die mich besonders belasten? Können sie in einzelnen Etappen erledigt werden?

3. Deadlines

Für die dringendsten Aufgaben bestehen automatisch gewisse Fristen bzw. zeitliche Einschränkungen, die wir einhalten müssen. Für andere Aufgaben sollten wir uns selbst zeitliche Grenzen setzen.

Hier fängt das richtige Zeitmanagement an, das uns manchmal ganz schön zusetzen kann, weil wir in der Familie einfach nicht alles auf die Sekunde durchplanen können und vielleicht auch gar nicht wollen.

Gewisse realistische zeitliche Richtwerte können trotzdem hilfreich sein.

4. Aufgaben überprüfen

Neben allen Routineaufgaben bleiben immer wieder Dinge liegen, die wir vor uns herschieben und einfach nicht dazu kommen, sie abzuschließen. Diese Dinge sollten wir hinterfragen.

  • Verschieben wir sie wirklich nur aus zeitlichen Gründen?
  • Oder ist es etwas, wozu wir uns überwinden müssen?
  • Machen wir sie ungern?

Wenn wir zu uns selbst ehrlich sind und für uns die richtige Antwort finden, können wir unsere Strategie dazu entsprechend anpassen.

Beispiel
Ihr habt schon seit einer Ewigkeit vor, die Spielsachen eurer Kinder auszusortieren, die nicht mehr benötigt werden, um Platz zu schaffen und für mehr Ordnung zu sorgen. Seit Wochen oder sogar Monaten gelingt es euch nicht, weil ihr dafür keine Zeit findet.

Stimmt es wirklich? Oder habt ihr einfach nicht so viel Lust eure Zeit damit zu verbringen und macht lieber etwas, was euch mehr Freude bereitet?

Wenn ihr diese Aufgabe wirklich beenden wollt, dann gibt es zwei Möglichkeiten:

  • Entweder ihr lasst es einfach sein und die Spielsachen bleiben auf ihrem Platz. Aber ihr macht euch deswegen keinen Druck mehr.
  • Oder ihr stellt einmal eine für euch angenehmere Beschäftigung zurück und opfert diese Zeit für das Aussortieren. Somit ist der ständige Druck weg und ihr habt wieder einen freien Kopf.
  • Ihr müsst euch bewusst entscheiden!

    5. Fokus auf die aktuelle Aufgabe

    Mal ganz ehrlich, wer von euch stellt seine Multitaskingfähigkeiten regelmäßig auf die Probe? Wir haben oftmals das Bedürfnis kleinere Tätigkeiten gleichzeitig erledigen zu müssen, damit wir schneller vorankommen. Dabei ist es wissenschaftlich gar nicht erwiesen, dass wir fähig sind mehrere Dinge gleichzeitig zu machen. In Wirklichkeit priorisiert unser Gehirn immer eine Tätigkeit, der wir mehr Aufmerksam schenken als der anderen, auch wenn wir der Meinung sind, dass wir etwas gleichzeitig erledigen.

    Daher ist es wesentlich effektiver, wenn wir alle Dinge nach und nach abarbeiten und uns immer auf die aktuelle Aufgabe konzentrieren.

    Sehr wichtig ist natürlich auch sich nicht ablenken zu lassen. Bekommt ihr einen Anruf von einem Freund, während ihr gerade mit eurem Kind dessen Zimmer aufräumt oder bei den Hausaufgaben helft, dann ist es besser das Telefonat auf später zu verschieben und eure Aktion zu Ende zu bringen. So verliert ihr nicht den Überblick und euer Kind bleibt konzentrierter bei der Sache. Der Freund wird dafür sicherlich Verständnis haben.

    6. Schnelle Entscheidungen treffen

    Es hält uns enorm auf, wenn wir uns nicht entscheiden können, was, wann und wie lange wir etwas erledigen wollen. Dagegen verbessern schnelle Entscheidungen unser Zeitmanagement. Für manche Tätigkeiten gilt „Einfach machen, nicht lange nachdenken.“ Nicht immer bringt uns unser ausgeklügelter Tagesplan weiter, auch spontanes Handeln kann nützlich und vor allem zeitsparend sein. Lasst einfach mal euren Perfektionismus einmal bei Seite, auch wenn es für einige von uns sehr schwer ist.

    7. Aufgaben abgeben

    In gewissen Situationen macht es auch Sinn bestimmte Tätigkeiten zu delegieren. Überlegt euch genau welche Dinge jemand anderes für euch erledigen kann oder euch dabei helfen kann.

    Das klingt schon fast selbstverständlich, dass man in der Familie die Aufgaben untereinander aufteilt. Doch passiert es oft, dass ein Elternteil im Alltagstrott zu ersaufen droht oder aktuell einfach mit dem Nerven fertig ist oder gesundheitlich angeschlagen ist. Dann ist es an der Zeit mal die Großeltern um Unterstützung zu bitten oder sich vom Partner noch mehr helfen zu lassen solange man neue Energie tankt.

    Auch die eigenen Kinder dürfen gern öfter mit anpacken und zeitweise mehr im Haushalt helfen oder generell für gewisse Tätigkeiten mehr Verantwortung übertragen bekommen. Vor allem wir Mamas neigen oft dazu unsere Kinder zu verschonen. Oder wir meinen alles selbst schneller und unkomplizierter machen zu können und wollen unnötige Diskussionen vermeiden.

    8. Kleinere Ziele vs. große Ziele

    Komplexe Aufgaben kosten uns oft viel Zeit und Überwindung. Sie führen auf Dauer zu einer Überreizung. Daher ist es ratsam schwierige Aufgaben in kleinere Aufgaben aufzusplittern, um mehr abgeschlossene Aufgaben zu erreichen und somit unser Gehirn zu entlasten. Durch kleinere Erfolgserlebnisse bekommen wir einen größeren Motivationsschub und können weitere Aufgaben entspannter angehen.

    Kleinere Ziele bringen uns schneller zu größeren Zielen und sorgen für einen besseren Ausgleich.

    Der Zeigarnik-Effekt bei Kindern

    Die Psychologin Zeigarnik hat das Phänomen nicht nur bei Erwachsenen sondern auch bei Kindern erforscht. Das Interessante dabei ist, dass der Effekt bei Kindern deutlich größer ist. Typisch ist dabei, dass Kinder nahezu alle nicht abgeschlossenen Tätigkeiten im Gedächtnis behalten und alles, was beendet wird, schnell wieder ausblenden. Je jünger das Kind ist, desto größer ist das Bedürfnis eine bestimmte Aufgabe zu beenden. Genau das erklärt, dass kleine Kinder oft sehr gereizt und explosionsartig reagieren, wenn man sie bei einer Tätigkeit unterbricht oder stört.

    Aus diesem Grund ist es sehr wichtig Kindern mehr Zeit zu geben, damit sie Dinge zu Ende bringen können, bzw. damit sie sich gedanklich darauf einstellen können, dass sie bald unterbrechen müssen. Warnt eure Kinder immer vor, bevor sie etwas beenden sollen und gebt ihnen 3-5 Minuten, damit sie es verarbeiten können.

    Resumee

    Wenn ihr im Familienalltag sehr gestresst seid und das Gefühl habt, dass ihr nie etwas zu Ende bringen könnt, dann denkt an folgende wichtige Punkte, die euch dabei helfen können euer Gehirn zu entlasten:

    • schreibt alle offenen Aufgaben auf
    • sortiert eure ToDo‘s nach Wichtigkeit
    • setzt euch Deadlines
    • fokussiert euch nur auf eine aktuelle Aufgabe
    • delegiert Aufgaben
    • splittet komplexe Aufgaben in kleinere ToDo‘s auf
    • hinterfragt Aufgaben
    • trefft bewusste, schnelle, spontane Entscheidungen

    Ich wünsche allen Eltern einen entspannten Alltag und hoffe, dass euch diese Vorschläge dabei helfen, eure kleinen und großen Ziele schneller und vor allem stressfreier zu erreichen.

    Was denkt ihr, warum ist es für uns so wichtig laufende Aufgaben zu beenden? Hat es etwas mit einem angeborenen Motivationsdrang zu tun? Oder gibt es vielleicht doch Menschen, die gar nicht so ein großes Bedürfnis haben, Dinge zu Ende zu bringen und trotzdem mit sich selbst im Reinen sind?

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