Verhaltensmuster bei der Kindererziehung

Verhaltensmuster bei der Kindererziehung
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Einführung

Verhaltensmuster der Eltern haben eine unglaublich starke Einflusskraft auf die Kindererziehung. Sie betreffen jeden von uns als Eltern, bewusst und unbewusst.

Die große Herausforderung ist es zu erkennen, mit welchen Verhaltensmustern wir unsere Kinder prägen und welche Verhaltensmuster unseren Kindern schaden können. Dabei besteht die größte Schwierigkeit darin, unerwünschte Verhaltensmuster abzuschalten, um unsere Kinder zu beschützen, damit sie zu eigenständigen, starken, selbstbewussten und offenen Persönlichkeiten heranwachsen können. Das erfordert enorme Arbeit an sich selbst, an der eigenen Persönlichkeit und an seinem Handeln.

Wenn ihr die Beziehung und die Kommunikation mit euren Kindern reflektiert und euer Handeln immer wieder hinterfragt, dann wisst ihr mit Sicherheit, wie fest Verhaltensmuster bei uns verankert sein können. So wie unsere Eltern uns geprägt haben, so prägen auch wir unsere Kinder mit unserem Verhalten.

Verhaltenmuster und Familienmodelle

Lasst uns einfach mal anhand mehrerer möglicher Familienmodelle schauen, welche Verhaltensmuster wir als Eltern vererben und wie sie das Leben unserer Kinder beeinflussen können.

Modell 1

  • Eltern, die ihren Kindern gegenüber wenig emotional sind, die ungern und selten Gefühle äußern, eher rational und kühl sind, wenig Zeit mit ihren Kindern verbringen, oft abwesend sind.
  • Ihren Kindern fehlen Liebe und Zuneigung. Sie sehnen sich nach Nähe, bemühen sich um Aufmerksamkeit, versuchen es ihren Eltern immer Recht zu machen, vermeiden es negativ aufzufallen. Diese Kinder werden sehr sensibel und einfühlsam, fürsorglich und verantwortungsbewusst, aber auch sehr angestrengt, oft erschöpft und unglücklich.
  • Oben beschriebene Kinder als Eltern vergöttern ihre Kinder, sie hoffen darauf, die fehlende Liebe durch sie nachzuholen. Sie erwarten von ihren Kindern die ewige, bedingungslose Liebe und Nähe. Sie lassen schlecht los, klammern an ihren Kindern sehr, wollen, dass sie von ihnen möglichst lange abhängig bleiben und fördern keine Selbständigkeit. Kinder sind für sie die einzige Liebesquelle.

Modell 2

  • Enttäuschte Eltern mit unerfüllten Ambitionen, beruflich, in Lebensbeziehungen u. ä. Sie erwarten, dass ihre Kinder ihre Fehler ausbessern. Die Kinder sollen ihr Leben nochmal nach ihrer Wunschvorstellung durchleben und ihre Erfahrungen korrigieren. Sie sind sehr fordernd ihren Kindern gegenüber, üben Druck aus und geben ihren Kindern vor, wie sie zu handeln haben. Sie lassen ihre Kinder nicht ihre eigenen Entscheidungen treffen und unterdrücken somit ihre eigene Persönlichkeit. Kinder dienen als Wiedergutmachung für ihre Eltern.
  • Ihre Kinder sind unselbständig, abhängig von der Meinung anderer Menschen, vor allem aber ihrer Eltern, kennen ihre eigenen Grenzen nicht besonders gut, haben aber auch Schwierigkeiten Grenzen anderer Menschen zu respektieren. Sie kennen ihre eigene Persönlichkeit und Wünsche schlecht, haben keine eigenen Ziele. Sie haben Angst ihre Eltern zu enttäuschen.

Modell 3

  • Enttäuschte Eltern mit unerfüllten Ambitionen, die die Handlungen ihrer Kinder abwerten, sie um ihren Erfolg beneiden. Sie kritisieren ihre Kinder stark oder ignorieren ihre Erfolge, lehnen ihre Ideen, Vorstellungen und Meinungen ab.
  • Ihre Kinder suchen immer nach Bestätigung der Eltern. Sie haben ein schlechtes Selbstwertgefühl und können ihre Fähigkeiten und Talente schlecht einschätzen.

Modell 4

  • Unreife, infantile Eltern, die bestimmte Probleme nicht in den Griff bekommen und die Verantwortung dafür auf ihre Kinder übertragen.
  • Ihre Kinder werden zu Eltern für die eigenen Eltern. Sie übernehmen die Rolle der Erwachsenen. Kinder werden dazu unbewusst gezwungen Entscheidungen für ihre Eltern zu treffen. Sie werden schnell erwachsen und übernehmen Verantwortung für ihre Mitmenschen. Sie sind sehr selbständig und lassen später schwer andere Menschen mitentscheiden. Es fällt ihnen schwer anderen Menschen zu vertrauen. Sie wollen alles selbst schaffen. Sie wollen alles kontrollieren, können schlecht delegieren und kaum entspannen.

Die oben genannten Familienmodelle verdeutlichen wie stark Verhaltensmuster auf uns wirken können und wie sich unser Leben dadurch verändern kann.

Arten von Verhaltensmustern

Unabhängig von Familienmodellen kann man verschiedene Arten von Verhaltensmustern unterscheiden. Im Folgenden nenne ich einige beispielhafte Verhaltensweisen.

  • Imitation: Kinder imitieren/kopieren bewusst oder unbewusst das Verhalten ihrer Eltern.
  • Identifikation: Sie identifizieren sich mit dem Verhalten ihrer Eltern. Die Überzeugungen der Eltern werden zu Überzeugungen ihrer Kinder. Die vermittelten Normen und Werte werden als die einzig richtigen und wahren übernommen.
  • Reaktion: Kinder reagieren mit Widerstand. Oft passiert es bei jugendlichen oder bereits bei erwachsenen Kindern. Sie werden das genaue Gegenteil ihrer Eltern.
  • Unbefriedigte Grundbedürfnisse: Bestimmte emotionale Grundbedürfnisse der Kinder werden nicht befriedigt. Diese werden später anderswo kompensiert/nachgeholt.
  • Projektion: Kinder interpretieren bestimmtes Verhalten der Eltern bzw. Situationen in der Familie als negativ und projizieren es auf ihr eigenes Handeln. Bsp.: Die Eltern arbeiten viel, haben wenig Zeit für das Kind = Das Kind denkt, dass sie es nicht lieben.
  • Anhängigkeit: Kinder haben eine sehr enge Bindung zu ihren Eltern, sind stark abhängig von Ihnen auch als erwachsene Kinder. Sie sind in ihrer Eigenständigkeit beeinträchtigt.

Verhaltensmuster durchbrechen. Der erste Fahrplan

Was ist zu tun? Wo fange ich an, um festsitzende Verhaltensmuster zu durchbrechen?

  • Wir müssen in der Vergangenheit ansetzen. Das Wichtigste ist es zu verstehen, dass wir unsere negativen Erfahrungen hinter uns lassen müssen. Fehlerhaftes Verhalten unserer Eltern hatte bestimmte Gründe. Wir sollten versuchen für diese Fehler eigene Lösungen zu finden, die für uns richtig sind.
  • Wir sollten das Verhalten unserer Eltern aus unserer Kindheit hinterfragen, den eigenen Verstand gebrauchen, an stereotypen Bildern und Meinungen arbeiten. Nicht alles, was uns unsere Eltern vermittelt haben, muss zwangsläufig wahr und richtig sein.
  • Wir müssen lernen, dass wir unser Leben selbst lenken können. Wir treffen unsere eigenen Entscheidungen und können bestimmte Situationen beeinflussen. Um kritische Situationen besser analysieren zu können, wäre es hilfreich seine Gedanken und Gefühle aufzuschreiben, um dann herauszufinden, wo der Fehler war. Dies gelingt am besten, wenn man sich erst einmal von einer emotional geladenen Situation zeitlich oder räumlich distanziert. Vermeidet es im Affekt zu handeln.
  • Macht eine Liste mit Dingen, die euch herunterziehen und euer Leben oft negativ beeinflussen und versucht sie durch positive Dinge zu ersetzen. Das betrifft insbesondere eure Einstellungen zum Leben.

Bsp.: „Ich weiß nicht, was ich tun soll.“ ersetzen durch „Ich werde dafür eine Lösung finden.“

  • Wir müssen Verantwortung für das eigene Leben übernehmen. Wir haben es in unserer Hand wie wir unsere Kinder prägen und was aus Ihnen später wird.
  • Nicht selten ist die familiäre Situation ganz festgefahren und man findet selbst keine Lösung. Es ist keine Schande sich professionelle Hilfe zu holen und sich beraten zu lassen. Manchmal ist es der einzig mögliche Ausweg.

Schlussfolgerung: Selbsterziehung

Die Arbeit an Verhaltensmustern bei der Kindererziehung ist ein schwieriges und komplexes Thema. Wir alle wurden in unserer Kindheit geprägt und übertragen in der Elternrolle unsere Erfahrungen und Überzeugungen auf unsere Kinder, bewusst und unbewusst.

Viele Eltern machen sich darüber wenig Gedanken und handeln so wie ihnen ihr Gefühl sagt, wie sie es mal gelernt haben. Wenn sie eine glückliche Kindheit hatten und eine harmonische Beziehung zu ihren Kindern haben, gibt es vielleicht auch nichts, woran zu arbeiten wäre. Jedoch gibt es Eltern, die mit schlechten Kindheitserfahrungen zu kämpfen haben und an ihrem Handeln arbeiten wollen, damit sie negative Prägungen nicht weitervererben. Genau hier beginnt die eigentliche Erziehung, nicht die der Kinder, sondern die Selbsterziehung.

Habt ihr euch schon bewusst Gedanken über eure eigenen Verhaltensmuster gemacht? Fällt es euch leicht an diesen zu arbeiten oder lasst ihr es lieber gleich sein und handelt eher intuitiv? Ich freue mich über eine Diskussion.

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