Temperamente unserer Kinder verstehen lernen

Temperamente unserer Kinder verstehen lernen
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Einführung. Die vier Temperamente

Die hippokratische Lehre der Temperamente bietet eine Möglichkeit unsere Persönlichkeit und die unserer Kinder besser zu verstehen. Das Temperament wird uns wie die Augenfarbe von Geburt an durch unsere Gene mitgegeben. Dass es angeboren ist, ist wissenschaftlich erwiesen.

Insgesamt gibt es vier Temperamente:

  • S a n g u i n i k e r
  • P h l e g m a t i k e r
  • M e l a n c h o l i k e r
  • C h o l e r i k e r

Die entsprechende Zuordnung unserer Kinder zu einem der Temperamente ermöglicht uns sie aus einer anderen Perspektive zu betrachten und dadurch unsere Beziehung zu ihnen in die gewünschte Richtung zu steuern.

Das Temperament bei Kindern beschreibt wie stark und schnell sie auf bestimmte Lebenssituationen reagieren können und welche Emotionen bei ihnen ausgelöst werden. Es ist nicht veränderbar und kann nicht anerzogen werden. Eine unglaublich wichtige Tatsache, die wir uns immer wieder ins Bewusstsein rufen sollten.

Mit diesem Wissen können wir als Eltern bestimmte Reaktionen und Verhaltensweisen unserer Kids viel besser nachvollziehen und lernen sie anzunehmen.

Die größte Herausforderung bei dem Ganzen ist der Zusammenstoß von verschiedenen oder gar gegensätzlichen Temperamenten als Elternteil und Kind. Genau hier wird die elterliche Empathie am meisten benötigt.

ACHTUNG!

Oft vermischen sich die Temperamente in einer Persönlichkeit. Jedoch überwiegen meistens die charakteristischen Eigenschaften eines bestimmten Temperaments und genau diese sollten bei der Eltern-Kind-Beziehung im Fokus stehen.

ÜBRIGENS:

Die typischen Eigenschaften der einzelnen Temperamente sind bereits ab einem Alter von ca. 4-5 Jahren sehr gut erkennbar.

Vorgehensweise

Um alle vier Temperamente verständlich und treffend zu beschreiben, und zwar bezogen auf die Kinder, helfen folgende Fragen, an welchen ich mich bei der Charakterisierung orientieren werde:

  • Was sind seine typischen Eigenschaften?
  • Was sollten wir als Eltern lieber NICHT TUN?
  • Was sollten wir als Eltern TUN, um eine gute Beziehung zu unserem Kind aufzubauen und seine Stärken zu festigen?

Das kindliche Temperament SANGUINIKER

Sanguiniker ist eine optimistische und energiegeladene Frohnatur mit einer schnellen Reaktionsfähigkeit und hoher Flexibilität. Er passt sich mühelos vielen Situationen an, hat ein schnelles, lebhaftes Sprechtempo und vielfältige Interessen. Er liebt die Abwechslung, knüpft leicht Kontakte mit Menschen und mag den Austausch.

WIE IST ER?
  • fröhlich und kontaktfreudig
  • gefühlvoll, lustig
  • offen und kommunikativ, gesellig
  • empathisch
  • fügsam und vernünftig, nicht nachtragend
  • offen für Neues, neugierig
  • kompromissbereit
  • steckt leicht Enttäuschungen weg
  • anpassungsfähig, flexibel
  • der geborene Optimist
  • aktiv, beweglich

ABER AUCH:

  • oberflächlich und leichtsinnig
  • ungenau und unverbindlich
  • kann schnell das Interesse verlieren
  • geringes Durchhaltevermögen
  • Kritik bringt ihn durcheinander

DON’TS

 –  den kleinen Sanguiniker sich selbst überlassen – Er verliert die Orientierung, den Blick fürs Wesentliche.

 –  zu viele verschiedenartige Interessen und Hobbys anbieten – Er wird sich nur schwer für etwas Bestimmtes entscheiden können.

 –  viele oberflächliche Kontakte zu anderen Kindern pflegen – Es wird ihm schwer fallen engere Freundschaften aufzubauen.

 –  Druck machen, kritisieren – Das mindert sein Selbstwertgefühl.

 –  gleichartige, monotone Aufgaben machen lassen – Es schadet seiner Konzentrationsfähigkeit, er verliert das Interesse.

DOS

 +  Gründlichkeit fördern, ins Detail gehen

 +  Aufgaben und Tätigkeiten phantasievoll und spannend gestalten

 +  Aufmerksamkeit fokussieren, Ablenkungen verringern

 +  helfen das Angefangene zu beenden, Vielfalt/Menge ggf. reduzieren

 +  engere Freundschaften fördern

 +  humorvoll kommunizieren, positive Dinge hervorheben

Und? Habt ihr eure Liebsten wiedererkannt?

Das kindliche Temperament PHLEGMATIKER

Phlegmatiker ist ein langsamer, ruhiger, stabiler und selbstbeherrschter Entscheider. Er handelt bedacht, wohlüberlegt und lässt sich nicht von seinem Weg abbringen. Seine Gefühle und Emotionen hat er gut im Griff und zeigt sie selten. Seine gewohnten Strukturen verlässt er ungern. Er ist der friedliebende Diplomat.

WIE IST ER?

  • langsam, gemütlich und bequem
  • ruhig, bedacht und friedfertig
  • stressresistent und ausgeglichen
  • verlässlich
  • bleibt sich selbst und anderen treu
  • hat seine Emotionen gut im Griff
  • kommt mit allen gut aus
  • der „gelernte“ Anführer
  • Beobachter
  • hat eine hohe Ausdauer
  • zielstrebig und standhaft in seiner Meinung
  • arbeitet sehr genau
  • gutes Langzeitgedächtnis

ABER AUCH:

  • geht ungern Risiken ein
  • meidet direkte Konfrontation, Verantwortung
  • stur
  • Morgenmuffel
  • mag keine Veränderungen
  • passt sich langsam an neue Gegebenheiten an
  • nicht besonders diszipliniert, oft faul

DON’TS

 –  zur Eile antreiben – Sein langsames Tempo gibt ihm Sicherheit.

 –  Druck machen – Dadurch wird er noch langsamer und unbeweglicher.

 –  Kritik an seiner langsamen Art üben – Das mindert sein Selbstwertgefühl.

 –  darauf bestehen, Gefühle offen zu zeigen und extrovertiert aufzutreten – Das widerspricht seinem Wesen.

 –  wenig Beachtung schenken – Durch seine ruhige Art können seine Bedürfnisse schnell übersehen und seine Gefühle unterschätzt werden.

DOS

 +  sich an seine Geschwindigkeit anpassen, mehr Zeit einplanen, keine Hektik erzeugen

 +  rationale Zeiteinteilung gemeinsam üben

 +  Schnelligkeit durch geeignete Spiele und Bewegung fördern

 +  ihn unterstützen und unbedingt ernst nehmen, wenn er Emotionen zeigt – das macht er nur sehr selten

 +  für ein heiteres und lebensfrohes Umfeld sorgen – Das hilft ihm sich zu öffnen.

 +  aktive Unterstützung geben und liebevolles Lob aussprechen, um mehr Selbstvertrauen aufzubauen

Kommt es euch bekannt vor?

Mir schon. Einer meiner Söhne besitzt genau dieses Temperament, das übrigens meinem eigenen Temperament am meisten ähnelt und ich mich dadurch besser in ihn hineinversetzen kann.

Das kindliche Temperament MELANCHOLIKER

Melancholiker ist der hochsensible, tiefgründige und leidenschaftliche Denker. Er ist kreativ, analysiert sehr detailliert und ist zielgerichtet. In zwischenmenschlichen Beziehungen ist er ein guter, interessierter Zuhörer. Durch seine zweifelnde, grübelnde und unausgeglichene Natur ist er sehr stressanfällig und neigt zum Pessimismus.

WIE IST ER?

  • lieb, zurückhaltend
  • reflexiv, tiefgründig
  • sehr guter Zuhörer, tiefes Interesse für andere
  • zuverlässig, gerecht
  • philosophisch
  • talentiert, kreativ, leidenschaftlich
  • besitzt hohe Leistungsbereitschaft
  • setzt hohe Maßstäbe
  • plant alles durch
  • neigt zum Perfektionismus
  • MUSS das Angefangene beenden

ABER AUCH:

  • passiv, introvertiert, nervös
  • unsicher, Kleinigkeiten bringen ihn aus dem Gleichgewicht
  • hochsensibel, verschlossen, verletzlich
  • launisch, stressanfällig
  • nachtragend, misstraurisch
  • neigt zum Pessimismus
  • kommt schwer über Misserfolge hinweg
  • meidet Konflikte
  • sehr selbstkritisch
  • verliert sich im Detail
  • ist schnell erschöpft

DON’TS

 –  schreien und Druck machen – Er verzweifelt, wenn ihm etwas nicht gelingt.

 –  scharfe Kritik – Sein ohnehin instabiles Selbstwertgefühl ist sehr angreifbar, das führt zu Komplexen.

 –  hohe Erwartungen haben, ihm viele Aufgaben übertragen – Das überfordert sein sensibles Nervensystem.

 –  Wettbewerbssituationen schaffen – Er fühlt sich dadurch enorm gestresst.

 –  befehlsartiger Tonfall – Das nimmt ihm den Wind aus den Segeln.

 –  auslachen – Das verletzt ihn zutiefst und führt zu einer Blockade.

DOS

 +  Wertschätzung und Zuneigung zeigen, verbal und physisch – Er braucht Anerkennung.

 +  zärtlich und taktvoll sein – Positive Gefühle sind seine Medizin.

 +  viel loben, zu viel gilt bei ihm nicht – Er muss spüren, dass er geliebt wird.

 +  Selbständigkeit fördern, Übertragen von Aufgaben, die ihm nicht zu viel abverlangen

 +  Ihn zu mehr Initiative ermuntern, selbständiges Handeln unterstützen, Fehler erlauben

 +  mit ihm über seine Ängste sprechen

 +  Abmachungen einhalten

Erinnert es euch an jemanden?

Das kindliche Temperament CHOLERIKER

Choleriker ist der optimistische, leidenschaftliche und impulsive Macher und Individualist. Er ist extrovertiert und höchst duchtsetzungsstark. Selbstbeherrschung fällt ihm schwer. Sein schnelles Denk- und Reaktionsvermögen erlauben es ihm anpassungsfähig zu sein und problemorientiert zu handeln. Er besitzt starke rhetorische Fähigkeiten und einen klaren Standpunkt.

WIE IST ER?

  • dynamisch, energisch, risikofreudig
  • liebt Neues
  • versucht das Unmögliche
  • stark zielorientiert
  • schafft mehr als alle anderen Temperamente
  • geborener Anführer
  • optimistisch, willensstark, entscheidungsfreudig
  • muss alles verändern, was er nicht für richtig hält
  • tut lieber etwas, als faul herumsitzen
  • kann alles besser
  • blüht bei Widerstand auf
  • braucht wenig Freunde, dafür mehr Gruppen

ABER AUCH:

  • unruhig, laut, ungeduldig, chaotisch
  • aufbrausend, impulsiv, zerstreut
  • kann seine Emotionen nicht kontrollieren
  • konfliktfreudig, offensiv launisch, sensibel
  • nimmt schnell Neues auf, vergisst aber auch schnell wieder
  • kann seine eigene Grenzen nicht gut einschätzen
  • kommandiert herum
  • entschuldigt sich ungern
  • unflexibel, schnell beleidigt
  • braucht viel Aufmerksamkeit und Akzeptanz von außen
  • kommt schwer zur Ruhe

DON’TS

 –  schreien – Sein ohnehin sensibles Nervensystem wird noch mehr gereizt und ihn in Abwehrhaltung bringen.

 –  ihm wenig zutrauen – Bloß nicht! Er holt die Sterne vom Himmel.

 –  überreden, an seine Vernunft appellieren – Er wird dadurch herausgefordert zu diskutieren.

 –  nicht zuhören – Seine eigene Meinung ist ihm enorm wichtig und darf nicht ignoriert werden.

DOS

 +  viele und verschiedene Bewegungsmöglichkeiten anbieten – So kann er seine überschüssige Energie sinnvoll einsetzen.

 +  dabei unterstützen das Angefangene zu Ende zu bringen

 +  bewusste Kontrolle seiner Emotionen durch ruhige Spiele und Beschäftigungen

 +  unbedingt seine Interessen ausleben lassen – Hier kann er seine Ambitionen austesten.

 +  Überreizung am Abend vermeiden – Er kommt nur schwer zur Ruhe.

 +  ruhig und taktvoll kommunizieren

 +  gemeinsam an seiner Konzentrationsfähigkeit arbeiten

 +  gemeinsam konstruktive Lösungen suchen statt aggressive Handlungen

Was denkt ihr? Lohnt es sich mit einem Choleriker eine Diskussion anzufangen?

Resumee

Das Temperament unserer Kinder ist ein sehr spannendes Thema. Wenn man einmal damit angefangen hat, seine Kinder einzuordnen, hört man nicht mehr auf, an die typischen Eigenschaften zu denken und immer wieder zu erleben, was für eine große Wirkung unsere Veranlagung haben kann.

Ich bin mir sicher, dass sich auch jeder erwachsene Mensch bei einem der vier Temperamente genau sehen kann. Damit können wir super unsere Reaktionen und Handlungen analysieren.

Es ist oft so, dass wir etwas tun und im Nachhinein denken, warum und wozu? Oder wir reagieren auf eine Weise und bereuen es später, haben schlechtes Gewissen. Wenn wir es aber richtig einordnen, können wir bewusster an unseren Stärken und Schwächen arbeiten.

Diese Sätze fassen alle vier Temperamente sehr schön zusammen:

Wo der Sanguiniker redet, der Phlegmatiker abwartet und der Melancholiker denkt, erreicht der Choleriker etwas.

Wo der Sanguiniker schreit, der Choleriker austeilt und der Melancholiker im Boden versinkt, bleibt der Phlegmatiker ganz cool.

Wenn ihr euch gern mit dem Thema kindliche Temperamente befasst, dann wird für euch mein Beitrag über die Hochsensibilität der Kinder sicherlich auch interessant sein.

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