Mein Kind ist hochsensibel. Was tun? Hochsensibilität als das fünfte Temperament

Mein Kind ist hochsensibel. Was tun? Hochsensibilität als das fünfte Temperament
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Einführung

Wenn ihr euch von der Aussage „Mein Kind ist hochsensibel.“ angesprochen fühlt, findet ihr in diesem Beitrag mit Sicherheit interessante und wertvolle Informationen und Anregungen, die euch stellenweise mitten ins Herz treffen können, sei es weil ihr an euer Kind denkt oder vielleicht auch weil ihr in manchen Gedanken euch selbst wiederfindet.

In meinem ersten Beitrag zum Thema kindliche Temperamente ging es um die vier Temperamente der hippokratischen Temperamentenlehre und die Möglichkeit für die Eltern die Beziehung zu eigenen Kindern zu steuern, indem sie auf ihr Temperament eingehen und ihre Handlungsweisen danach ausrichten.

Aktuelle Forschungsergebnisse rücken ein psychologisches Phänomen ins Licht, das auf 15%-20% aller Menschen zutreffen soll. Die Hochsensibilität wird seit den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts intensiv analysiert. Die amerikanische Psychologin Elaine N. Aron hat den Begriff der Hochsensibilität in den Fokus der Psychologie gebracht und die wichtigsten Aspekte untersucht.

Merkmale hochsensibler Kinder

Woran erkennt ihr euer hochsensibles Kind (HSK)?

Wie geht ihr mit seinem besonderen Wesen um, damit es sich als Persönlichkeit frei entfalten kann und Schwierigkeiten bewältigen lernt, mit welchen es durch seine hochsensible Art konfrontiert wird?

Die wichtigste Eigenschaft hochsensibler Menschen und Kinder ist ihre besonders emotionale Reaktion auf äußere Reize. Sie fühlen viel intensiver ihre Umgebung und das ist nicht ihre Schwäche und auch nicht ihre Stärke sondern einfach nur ihre ganz besondere Art auf das Geschehene zu reagieren. Die Ausprägung der Hochsensibilität kann variieren.

Schauen wir uns mal folgende charakteristischen Merkmale an, die wir bei hochsensiblen Kindern feststellen können.

Hochsensible Kinder weinen oft.

Sie tun dies, wenn sie glücklich sind, wenn sie traurig oder einfach nur müde sind. Es muss nicht heißen, dass es ihnen schlecht geht, sondern dass sie etwas intensiv wahrnehmen. Tränen helfen ihnen die Situation zu verarbeiten.

Was tun?

Verständnis zeigen. Auch wenn das Kind aus unserer Sicht wegen jeder Kleinigkeit und viel weint, sollten wir daran denken, dass es vielleicht nur für uns Kleinigkeiten sind. Nehmt euer Kind ernst. Es ist besser, wenn es seine Gefühle rauslässt anstatt sie zu unterdrücken, um sie so zu verarbeiten.

Sie können sowohl introvertiert, als auch extrovertiert sein.

Auch wenn man Hypersensibilität im ersten Moment eher mit einem introvertierten Menschen in Verbindung bringen würde, kann sie auch auf einen Extrovertierten zutreffen. Etwa 20% der hochsensiblen Menschen sollen laut Elaine N. Aron extrovertiert sein. Sie brauchen oftmals sogar mehr Zuwendung als Introvertierte, weil sie ihre Emotionen nicht so leicht in den Griff bekommen und von ihrem Umfeld abhängig sind. Extrovertierte HSK sind gern in Gesellschaft und genießen die Aufmerksamkeit. Sie wirken offen, optimistisch und gesellig. Gleichzeitig erschöpfen sie die vielen Eindrücke sehr, die sie von der Umwelt erfahren und sind dadurch besonders stressgefährdet.

Was tun?

Extrovertierte hochsensible Kinder brauchen noch mehr Feingefühl von ihren Eltern, weil ihre Hochsensibilität viel unauffälliger ist. Sie schaffen es durch ihre Offenheit nur schwer sich zurückzuziehen. Wenn ihr sie aber aufmerksamer beobachtet, könnt ihr sie rechtzeitig vor einer möglichen Überreizung schützen und ihnen ihre eigenen Grenzen aufzeigen. Kinder können ihre Balance noch nicht so gut regulieren und brauchen ihre Eltern, damit sie sie auffangen, sie manchmal bremsen und ihnen dabei helfen, Raum und Zeit für die Verarbeitung der Reize zu schaffen.

Sie werden nervös, wenn sie Entscheidungen treffen müssen.

Hochsensible treffen ungern schnelle Entscheidungen. Teilweise geht es dabei um einfachste alltägliche Routineentscheidungen, wie „Was ziehe ich an?“ oder „Mit welcher Farbe soll ich das Bild ausmalen?“ Jede kleine Entscheidung wird von Zweifeln begleitet, ob es doch die falsche Wahl ist. Diese Unsicherheit wirkt sich auf ihre Rolle in einer Gemeinschaft aus. In einer Gruppe wollen sie demnach auf keinen Fall eine führende Rolle übernehmen.

Was tun?

Wenn sich euer Kind für etwas entscheiden soll, versucht ihm möglichst eine kleinere Auswahl an Dingen vorzugeben. Also nicht sagen „Was willst du heute anziehen?“, sondern lieber zwei Outfits vorbereiten und fragen welches der beiden besser ist. Es ist wichtig den Kindern zu zeigen, dass ihre Meinung wahrgenommen wird, aber sie unter Druck zu setzen oder zu einer Entscheidung zu drängen wäre keine gute Strategie.

Sie reagieren sofort auf Veränderungen und fühlen sich in gewohnten Strukturen am sichersten.

Es können Kleinigkeiten sein, die jemand anderem nicht aufgefallen wären. Sei es ihre Zahnbürste, die im falschen Zahnputzbecher steckt oder ein Spielzeug, das an der falschen Stelle liegt. Neue Freunde, die Einschulung, ein Schulwechsel und sämtliche Ereignisse, die eine Veränderung oder Neuerung mit sich bringen, sind für Hochsensible eine große psychische Belastung. Jede Ungewissheit bringt sie zum Nachdenken, Grübeln und Zweifeln an anderen Menschen und an sich selbst.

Was tun?

Routinierte Abläufe sind sehr wichtig. Achtet auf einen geregelten Tagesablauf und auf Ordnung. Räumt gemeinsam mit eurem Kind das Zimmer auf. Besprecht mir eurem Kind im Vorfeld, wenn demnächst Veränderungen anstehen, seien es Ereignisse in der Familie oder Veränderungen im Kindergarten oder in der Schule. Lasst sie nicht einfach ins kalte Wasser fallen. Erklärt ihnen öfter warum etwas passiert. Wenn sie Dinge besser verstehen, können sie sie besser akzeptieren. Langjährige feste Freundschaften geben ihnen Rückhalt und Sicherheit und sind das Beste, was ihnen passieren kann, damit sie glücklich und zufrieden sind. Deshalb ist es wichtig Kontakte mit anderen Kindern von Anfang an zu pflegen.

Sie mögen keine unerwarteten Ereignisse.

Für alles zu haben sind hochsensible Kinder eher nicht. Anstatt sich auf ein spontanes Abenteuer einzulassen, planen sie lieber eine Aktion gut durch, damit sie genau wissen, was auf sie zukommt.

Was tun?

Wenn ihr etwas plant, besprecht es am besten mit eurem Kind im Vorfeld. Auch wenn die meisten Kinder Überraschungen mögen, kann es sein, dass euer Kind sie nicht so gern mag. Vor allem wäre es keine guten Idee solche Kinder vor der ganzen Familie oder vor Freunden „auflaufen zu lassen“.

Sie sind aufmerksame Zuhörer.

Ihre Gesprächspartner und die Umgebung nehmen sie sehr gut wahr und zeigen sich im Gesprächsverlauf sehr geduldig. Sie beobachten aufmerksam und sind äußerst empathisch. HSK ignorieren ihre Freunde oder Spielpartner nicht, sondern sind meist sehr rücksichtsvoll.

Was tun?

Macht es euren Kindern nach und habt für sie auch immer ein offenes Ohr. Nehmt sie und ihre Gefühle ernst.

Sie mögen keinen Lärm und keine besonders lauten Geräusche.

Nicht alle HSK sind geräuschempfindlich, aber wenn sie es sind, dann können stark befahrene Verkehrsstraßen, große Menschenansammlungen, gesprächige Spielfreunde für hochsensible Kinder ein hoher Stressfaktor sein, der sie sogar in Panik versetzen kann.

Was tun?

Wählt für eure Kinder eine Umgebung, in der sie sich wohl fühlen. Eine Geburtstagsfeier mit 20 Kindern und einem regen Programm wäre wahrscheinlich nicht die beste Wahl.

Sie bevorzugen eine ruhige Spiel- und Lernumgebung und ziehen sich lieber zurück.

Für ihre Konzentrationsfähigkeit und Ausgeglichenheit müssen kleinste Reize vermieden werden, nur so können sie ihre gute Beobachtungsgabe ausnutzen und ihre Gedanken sammeln.

Was tun?

Vor allem, wenn eure Kinder im Schulalter sind, ist eine reizarme Umgebung in einem aufgeräumten Zimmer ohne störenden Lärm besonders wichtig für die Lernfortschritte. HSK im Kindergartenalter solltet ihr auch mal allein spielen lassen ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Eine Rückzugsmöglichkeit brauchen sie mehr als andere Kinder.

Sie können nicht besonders gut mit Kritik umgehen und sind verletzlich.

Kritische Situationen werden von hochsensiblen Kindern gemieden. Kritik löst in ihnen sehr starke Gefühle aus und trifft sie besonders hart. Da sie selbst keinen Ärger haben wollen, werden sie andere Kinder auch nicht herausfordern und Konflikten somit eher aus dem Weg gehen.

Was tun?

Achtet bei hochsensiblen Kindern darauf, dass sie möglichst nicht in Situationen geraten, wo sie belächelt oder gar ausgelacht und gehänselt werden. Für ihre Psyche kann es besonders belastend sein, da sie sich nicht so gut davon abschirmen können und anstatt ihre Grenzen zu verteidigen zu grübeln anfangen. Sie sollen jedoch nicht vor jeder unangenehmen Situation fliehen, daher ist es wichtig mit den Kindern über ihre eigenen Grenzen zu sprechen und sie dazu zu ermutigen diese zu verteidigen.

Sie sind besonders schmerzempfindlich.

Schmerzen gehören zu besonders intensiven Reizen, die wir empfinden, deshalb sind sie für hochsensible Kinder aufgrund ihrer Hypersensibilität besonders unangenehm und stark wahrnehmbar. Sie können sogar Schmerzen empfinden bevor es überhaupt zu einer Schmerzempfindung kommt, nur weil sie wissen, dass es ihnen gleich weh tun könnte.

Was tun?

Es ist wichtig ihre Schmerzempfindlichkeit nicht zu verharmlosen. Denkt immer daran, dass HSK eine andere Wahrnehmung haben. Besonders sensibel zu sein ist nicht etwas Negatives und hochsensible Kinder reagieren so nicht, weil sie damit mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollen, sondern weil sie so fühlen und nicht anders können.

Hochsensibilität als Veranlagung

Hochsensibilität ist eine Veranlagung, die nicht umerzogen oder gar „geheilt“ werden kann und soll.

Hochsensible Kinder sind weder krank noch müssen sie in irgendeiner Weise verändert werden. Stuft man das psychologische Phänomen als eines der menschlichen Temperamente ein, so wird man verstehen, dass es Menschen bzw. Kinder gibt, die ganz besondere psychologische Merkmale haben, die für sie charakteristisch sind, wie es auch bei einem Sanguiniker, Choleriker, Phlegmatiker oder Melancholiker der Fall ist. Es ist Tatsache, dass im Gehirn eines Hochsensiblen viel häufiger Regionen aktiviert werden, die für Emotionen und vor allem Empathie verantwortlich sind, und das ist mittlerweile wissenschaftlich erwiesen.

Abschließende Gedanken

Die große Herausforderung besteht darin Kindern so zu begegnen, dass sie unsere Wertschätzung und Aufmerksamkeit spüren und wissen, dass auf ihre Wünsche und Bedürfnisse eingegangen wird und zwar unabhängig von ihrem Wesen und ihrem Temperament. Mit zunehmendem Alter können Kinder lernen mit gewissen Eigenschaften besser umzugehen, damit sie ihnen in bestimmten Lebenssituationen nicht im Weg stehen. Aber selbst wir als Erwachsene haben es oftmals nicht leicht in der Gesellschaft unsere Temperamente frei auszuleben. Wenn ihr hochsensiblen Kindern in eurem Umfeld begegnet, versucht ihnen mehr Aufmerksamkeit entgegenzubringen und verständnisvoll zu sein, denn sie werden dies auf jeden Fall auch euch gegenüber tun.

Habt ihr ein hochsensibles Kind oder seid ihr womöglich selbst hochsensibel? Wie fühlt ich euch damit? Ich freue mich über eure Kommentare dazu.

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