Kinder zweisprachig erziehen. Hilfreiche Tipps für die Umsetzung (Teil 1)

Kinder zweisprachig erziehen. Hilfreiche Tipps für die Umsetzung (Teil 1)
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Einführung

Erziehst du dein Kind zweisprachig bzw. mehrsprachig oder überlegst du dir gerade, ob du es machen sollt? Fragst du dich vielleicht, wie es dir am besten gelingt? Hier möchte ich mit dir meine Erfahrungen und Empfehlungen zum Thema bilinguale Erziehung teilen. Ich berichte über unseren Weg zur Zweisprachigkeit. Außerdem nenne ich die Vorteile einer zweisprachigen Erziehung und gebe konkrete Empfehlungen wie Kinder bilingual werden können.

Persönlicher Erfahrungsbericht

So ist es bei uns...
Vor 24 Jahren reisten zwei Menschen als Jugendliche aus zwei unterschiedlichen Ecken dieser Welt in Deutschland ein. Osteuropa und Mittelasien, 2.500 km und 5.500 km weit. Sechs Jahre später kreuzten sich die Schicksale und das Ergebnis nach achtzehn gemeinsamen Jahren ist unsere Familie mit drei wunderbaren Kindern, drei Jungs, die unser komplettes Leben bestimmen.

Unsere Muttersprache ist Russisch und bei uns stand nie die Frage im Raum, ob wir sie unseren Kindern beibringen wollen. Selbstverständlich tun wir das. Nur wenn wir unsere Muttersprache sprechen, können wir hundertprozentig offen, aufrichtig und authentisch sein und nur dann können wir unsere Identität unseren Kindern weitergeben. Sie ist das kleine Zuhause in unserem Geist, das wir immer mit uns tragen.

Mit unserem ersten Sohn fing also alles an. Er hat sich von Anfang an sehr schnell entwickelt, motorisch und sprachlich. Bei ihm ging es nie schnell genug. So begann er auch sehr früh zu sprechen und alles um ihn herum regelrecht aufzusaugen.

Die ersten knapp eineinhalb Jahre war er ausschließlich einer russischsprachigen familiären Umgebung ausgesetzt. Danach kam ein neuer Abschnitt. Ich bin nach meinem Studium beruflich eingestiegen und unser Sohn ging in eine Vollzeitkrippe. Ob es für ihn schwer war? Nein, nicht zuletzt, weil er eine russischsprachige Bezugserzieherin hatte, eine wirklich wunderbare Frau, die mit Sicherheit dazu beigetragen hat, dass ihm das Erlernen der deutschen Sprache leichter fiel.

Mit zwei Jahren konnte er sich wunderbar auf Russisch und auf Deutsch verständigen. Die klare Trennung zu Hause und Krippe bzw. Kindergarten haben wir bis zum Schluss durchgezogen. Für mich als Mutter war es nicht immer einfach.

Da wir von Anfang an gelernt haben nur auf Russisch zu kommunizieren, war ich anfangs verunsichert, wenn wir nur unter deutschsprachigen Menschen waren und ich mit meinem Kind plötzlich auf Deutsch sprechen sollte. Das war wirklich befremdlich für mich und unser Sohn hat am Anfang überhaupt nicht verstanden, warum ich mit ihm auf einmal eine andere Sprache spreche, auch wenn er sie schon kannte. Er hat mich so komisch angeschaut, als käme ich von einem anderen Planeten. So sehr war bei ihm die sprachliche Trennung verankert. Wirklich erstaunlich! Er hat es auch nicht akzeptiert und sprach mit mir weiterhin auf Russisch, auch wenn ich mit ihm auf Deutsch gesprochen habe. Das war schon eine seltsame Situation. Aber unser Sohn hat mich schon immer gezwungen meine Komfortzone zu verlassen. Denn er war immer das erste, das lauteste und das am meisten sagende Kind überall, das niemand übersehen und überhören konnte.

Ich muss jedes Mal so schmunzeln, wenn mir Mütter seiner Krippenfreunde, mit denen wir heute noch guten Kontakt haben, erzählen, wie lustig und bewundernswert es für sie damals war, wie gut er mit allen Kindern und abholenden Eltern kommunizieren konnte und wie witzig sein russischer Akzent war. Das war nämlich seine ganz große Besonderheit, er hatte wirklich von Anfang an einen erstaunlich starken russischen Akzent, sogar stärker als wir selbst. Hat jemand eine Erklärung dafür? Ich nicht… Ich habe mir aber darüber zunächst überhaupt keine Gedanken gemacht und war mir sicher, dass er es ganz schnell ablegt. Ich habe mich geirrt. Daran hatten wir noch vor und nach der Einschulung zu arbeiten.

Die meisten, wenn nicht sogar alle mehrsprachen Kinder aus unserer Umgebung haben sehr schnell Deutsch gelernt, sobald sie in die Krippe oder in den Kindergarten gegangen sind. Viele davon haben nach einer gewissen Zeit auf die Deutsche Sprache umgeschaltet und haben in ihrer Muttersprache nicht mehr so gern oder auch nicht mehr so gut gesprochen, weil es entweder zu anstrengend war, die Eltern nicht so viel Wert darauf gelegt haben beide Sprachen zu behalten, aber auch weil viele Eltern zwar zu Hause die Muttersprache sprechen, allerdings beide Sprachen gern vermischen.

Das Vermischen passiert irgendwann automatisch, wenn man nicht gezielt daran arbeitet, damit es doch nicht passiert. Wir sind uns bis heute einig, dass wir unsere Muttersprache so gut und so sauber, wie es nur irgendwie geht, sprechen wollen. Das ist aus meiner Sicht das beste Erfolgsrezept für Kinder, die mehrere Sprachen gut beherrschen sollen.

Vollzeitkrippe, danach Vollzeitkindergarten, die Einschulung rückte immer näher. Wir haben weiterhin zu Hause nur Russisch gesprochen, nur russische Bücher gelesen. Dafür habe ich regelmäßig aus Russland Kinderbücher bestellt. Ich war fest entschlossen, meinem Jungen vor seiner Einschulung das Lesen und Schreiben auf Russisch beizubringen und habe mir dazu das notwenige Material besorgt.

Mein Ziel war es, dass er sich nach der Einschulung komplett auf die deutsche Sprache konzentriert, damit er durch beide Sprachen nicht überfordert wird und nicht durcheinander kommt. Im Nachhinein bin ich sehr froh darum, denn in seinem Fall hat es wirklich funktioniert.

Unser Sohn wurde mit sechs Jahren eingeschult und hat bereits gelernt auf Russisch zu lesen und zu schreiben. Und genau diese Tatsache hat ihm sehr gut dabei geholfen das Gleiche schnell und unkompliziert auf Deutsch zu lernen. Zugegebenermaßen haben wir ein Jahr vor der Einschulung doch damit begonnen uns mehr mit der deutschen Sprache auseinanderzusetzen, denn auf einmal kamen bei mir doch einige Sorgen hoch.

Unser Vorschulkind hatte weiterhin einen starken Akzent, an der Grammatik im Deutschen sollte noch gearbeitet werden. Ich hatte damals das Gefühl, dass ich überhaupt keine Kontrolle über sein Sprachvermögen im Deutschen hatte.

Wir haben angefangen deutsche Bücher zu lesen. Er ging regelmäßig zum Logopäden, um an seiner Grammatik und dem Wortschatz zu arbeiten. Seinen Akzent haben wir im Laufe der ersten Klasse enorm reduzieren können, indem wir beim Lesen gezielt an der Aussprache einzelner Wörter gearbeitet haben.

Dadurch, dass er schon auf Russisch lesen und schreiben konnte, ist ihm das Gleiche auf Deutsch wesentlich einfacher gefallen. Er konnte auf das in seinem Gehirn bereits verankerte Muster zurückgreifen und direkt auf eine weitere Sprache anwenden und bewiesen, dass ihm jede weitere Sprache einfacher fallen würde. Obwohl er kein Englisch gelernt hatte, konnte er schon ziemlich früh englische Lieder relativ sauber nachsingen. Für mich wirklich erstaunlich, aber bestimmt auch ein Zeichen für eine gewisse sprachliche Begabung.

Ganz neue und spannende Erfahrungen machen wir aktuell mit unserem zweiten Sohn, der einfach das komplette Gegenteil von seinem großen Bruder in vielerlei Hinsicht ist und ganz andere Stärken hat. Zu gegebener Zeit werde ich auch über seinen besonderen Weg in der Zweisprachigkeit berichten und hoffe, dass es anderen Eltern helfen wird, ihren eigenen Weg mit ihren Kindern zu finden, wenn sie sich bewusst mit diesem Thema beschäftigen wollen.

Wie du an meinem Praxisbeispiel gemerkt hast, ist die Zweisprachigkeit oder gar Mehrsprachigkeit alles andere als ein Selbstläufer. Die Frage ist in erster Linie, was möchte ich für mein Kind? Soll es mehrere Sprachen sprechen? Und wenn ja, wie gut soll es sie beherrschen? Danach bemisst sich der letztendliche Aufwand für uns Eltern.

Vorteile einer zweisprachigen bzw. mehrsprachigen Erziehung

  • Bilinguale Erziehung fördert eine bessere Gedächtnisentwicklung. Umschalten zwischen verschiedenen Sprachen ist eine Art Gedächtnistraining. Bilinguale Kinder erkennen schnell grammatikalische Zusammenhänge.
  • Bilinguale Kinder sind kommunikativ vielfältig und anpassungsfähig.
  • Sie sind offener gegenüber anderen Kulturen.
  • Logisches und abstraktes Denkvermögen entwickelt sich schneller.
  • Mehrsprachige Kinder erlernen schneller das Lesen und Schreiben.
  • Es fällt ihnen leichter mehrere Problemstellungen gleichzeitig zu lösen.
  • Weitere Sprachen können schneller erlernt werden.
  • Bilinguale Kinder können später bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben.

Tipps für bilinguale bzw. multilinguale Erziehung

Die Tipps beziehen sich in erster Linie auf Familien, wo die Eltern oder ein Elternteil eine andere Muttersprache haben als die deutsche. Dabei wird die deutsche Sprache für das Kind zur starken Muttersprache, weil es in einer deutschen Umgebung aufwächst. Die weiteren Sprachen sind so genannte schwache Muttersprachen, die meistens von den Eltern bzw. im familiären Umfeld gesprochen werden .

  • Jedes Elternteil spricht mit seinem Kind nur eine Sprache. Alternartiv findet eine situative Sprachtrennung statt (Bsp.: Zu Hause wird eine Sprache gesprochen, woanders eine andere.)
  • So früh wie möglich anfangen zweisprachig/mehrsprachig zu erziehen.
  • Mehrere Sprachen sollten nach Möglichkeit nicht miteinander vermischt werden.
  • Sprachfehler sollen nicht direkt korrigiert, sondern von den Eltern richtig wiederholt werden, am besten umgewandelt in eine Frage.
  • Das Kind nie zum Sprechen zwingen. Spielerisches Beibringen ist immer besser.
  • Bücher lesen, Lieder singen, Filme schauen, Hörbücher hören in der jeweiligen Sprache.
  • Sich mit Menschen treffen, die Muttersprachler sind.
  • Wenn möglich, das Heimatland mit Kindern besuchen.
  • Sich seiner Muttersprache nicht schämen. Es ist ein enormer Mehrwert, den viele andere nicht haben!
  • Möglichst eine Kita auswählen, die mehrsprachige Erziehung befürwortet. Die Erzieher werden euch dabei unterstützen und motivieren.
  • Sich mit anderen muttersprachlichen Kindern treffen und möglichst auch in der schwächeren Muttersprache kommunizieren, auch wenn viele Kinder dazu neigen direkt auf Deutsch miteinander zu sprechen, weil sie es so von der Kita oder Schule gewohnt sind.
  • Das Lesen und Schreiben in jeder Sprache beibringen.
  • Versuchen mit Schulkindern in anderen Sprachen über schulische Themen zu sprechen, erzählen lassen. Das ist sehr schwer wegen spezifischem Wortschatz. Kinder lernen aber dadurch viel Neues dazu (Eltern übrigens auch!).
  • Die Geschwister miteinander in der schwächeren Muttersprache sprechen lassen.
  • Sobald sich der Schwerpunkt auf die starke Muttersprache verlagert, die im Kindergarten und in der Schule gesprochen wird, sollte allen weiteren Sprachen besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Kindern fällt es zunehmend schwerer das Sprachniveau weiterer Sprachen aufrechtzuerhalten. Eltern müssen gezielt darauf achten und Kindern Hilfestellung geben, wenn es ihnen schwer fällt sich auszudrücken.

Welche Sprachen spricht dein Kind? Lebst du schon die Zweisprachigkeit in deiner Familie? Wie gelingt es dir?

Ich freue mich auf deine Erfahrungen und Meinungen im Kommentarfeld.

Ausblick

In einem weiteren Artikel zum Thema bilinguale Erziehung findest du noch mehr interessante Informationen über die Sprachentwicklung bei bilingualen Kindern. Hier wird insbesondere darauf eingegangen wie und wann Bilingualismus entsteht und wie es sich auf die Entwicklung der Kinder auswirkt.

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