Bilinguale Kinder und die Sprachentwicklung (Teil 2)

Bilinguale Kinder und die Sprachentwicklung (Teil 2)
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Einführung

In meinem ersten Artikel zum Thema Bilinguale Kindererziehung habe ich darüber berichtet wie in unserer Familie der Bilingualismus gelebt wird. Ich habe über die Vorteile für mehrsprachige Kinder geschrieben und meine persönlichen Tipps für die erfolgreiche Umsetzung gegeben. Dieser Artikel wird insbesondere für diejenigen interessant sein, die den Prozess der Entwicklung des Bilingualismus bei Kindern etwas besser verstehen wollen und sich etwas mehr Hintergrundinformationen wünschen.

Was heißt Bilingualismus?

Es ist das Beherrschen zweier Sprachen.

  • Erwirbt das Kind beide Sprachen gleichzeitig bis zu seinem 5.-8. Lebensjahr, hat es die größten Chancen beide Sprachen spontan als zwei qualitativ gleichwertige Muttersprachen zu erwerben.
  • Der Zweitspracherwerb zwischen dem 8.-11. Lebensjahr vollzieht sich nicht mehr ganz spontan. In diesem Alter sinkt die Wahrscheinlichkeit eines qualitativ guten und natürlichen Erwerbs von Sprachen im Vergleich zur frühen Kindheit. Im Erwachsenenalter ist diese Wahrscheinlichkeit am geringsten.
    Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, die belegen, dass sich unterschiedliche Sprachzentren bei kleineren Kinder im gleichen Hirnareal entwickeln und bei Erwachsenen eher in unterschiedlichen Hirnarealen. Bei zweisprachigen Kindern entwickeln sich in solchen Hirnbereichen mehr Synapsen als bei Kindern, die eine Muttersprache sprechen.

Charakteristisch für bilinguale Kinder ist auch die Tatsache, dass zwischen den beiden Sprachen in der Regel nicht übersetzt wird. Erlernen wir als Erwachsene Sprachen, werden wir sie in der Regel immer in Muttersprache und Fremdsprache unterscheiden. In diesem Fall übersetzen wir von einer Sprache in die andere im Kopf.

In den meisten Fällen sind bei bilingualen Kindern beide Sprachen unterschiedlich stark ausgeprägt. Mit der Zeit entwickelt sich eine Sprache zur starken Muttersprache, da diese im sozialen Umfeld gesprochen wird. Die andere Sprache wird zur schwächeren Muttersprache. Die Dominanz der Sprachen kann im Laufe des Lebens wechseln, je nachdem wie intensiv diese gebraucht werden.

Von Bilingualismus spricht man also dann, wenn sich die schwächere und die stärkere Muttersprachen nicht gegenseitig im Weg stehen und beide dem muttersprachlichen Niveau entsprechen. Dabei gibt es den

  • natürlichen Bilingualismus (Sprachaneignung in der frühen Kindheit)

und den

  • angeeigneten Bilingualismus (Sprachaneignung in späterer Kindheit/ Jugend).

Sprachentwicklung bei bilingualen Kindern bis zum Schulalter

 (Abweichungen und Ausnahmen sind möglich, da sich jedes Kind individuell entwickelt):

1 Jahr: Kinder sprechen einzelne Wörter, die für sie am einfachsten sind.

1,5-2 Jahre: Kinder sprechen eine Mischsprache. Sie beherrschen noch nicht das Trennen beider Sprachen.

Ab 2 Jahren: Typisch ist eine langsamere Sprachentwicklung als bei einsprachigen Kindern. Kinder vereinfachen die Sprache durch Vermischung.

Ab 3 Jahren: Kinder entwickeln das Bedürfnis sich nur für eine Sprache zu entscheiden, die für sie einfacher ist. Sie können die zweite Sprache verweigern.

4-5 Jahre: Kinder wollen mit ihren Bezugspersonen nur in einer bestimmten Sprache kommunizieren, die sie gewohnt sind, also z.B. mit Papa nur „seine“ Sprache und mit Mama nur „ihre“ Sprache. Sie lernen es, die Sprachen zu trennen und suchen nach Entsprechungen für Begriffe in beiden Sprachen, übersetzen aber nicht.

5-6 Jahre: Kinder befinden sich im starken Sozialisierungsprozess. Sie können beide Sprachen schon sehr gut sprechen. Sie bieten gern ihre Hilfe an, z. B. übersetzen sie gern für jemanden. Sie überholen einsprachige Kinder im gleichen Alter in der Sprachentwicklung. Sie haben ein besseres Sprachverständnis, Gedächtnis, logisches Denken, Differenzierung.

6-7 Jahre: Kinder bevorzugen es bestimmte Themen in einer Sprache zu besprechen und andere lieber in der zweiten Sprache. An grammatikalischen Fehlern in beiden Sprachen muss gezielt gearbeitet werden. In der schwächeren Sprache entwickeln sich mehr Fehler.

Wisst ihr eigentlich, dass auf der Welt etwa die Hälfte der Kinder zweisprachig aufwächst? Das liegt nicht zuletzt daran, dass es viele zwei- oder sogar mehrsprachige Länder gibt, wo Menschen seit ihrer Geburt mehrere Sprachen erwerben.

Kann Bilingualismus in der frühen Kindheit zu Sprachstörungen führen?

Durch den gleichzeitigen Erwerb zweier Sprachen kann sich die Sprachentwicklung in beiden Sprachen etwas verzögern. Auf keinen Fall sollte man jedoch diese Feststellung verallgemeinern. Dies hängt von verschiedenen Faktoren ab.

Die Sprachentwicklung verläuft bei jedem Kind individuell und unterschiedlich, was sich auch auf den Bilingualismus auswirkt. Der Spracherwerb hängt auch zu einem großen Teil davon ab wie intensiv beide Sprachen eingesetzt und von den Eltern vermittelt werden. Es ist zum Beispiel sehr schwer und letztendlich auch unmöglich exakt den gleichen Wortschatz aufzubauen. Niemand kann im alltäglichen Sprachgebrauch jede verbale Kommunikation immer in beiden Sprachen nachbilden.

  • Aber je intensiver sich die Eltern mit ihrem Kind in der jeweiligen Sprache unterhalten und beschäftigen, desto weniger sprachlicher Lücken ergeben sich im Wortschatz.
  • Je mehr die Eltern auf saubere Aussprache und Grammatik achten, desto besser werden die Kinder beide Sprachen beherrschen.

Die sogenannten „Lücken“ dürfen jedoch nicht falsch bewertet werden. Denn im Prinzip handelt es sich auch nicht um Defizite, sondern um eine Bereicherung einer Sprache um die zweite. Kenntnisse in einer Sprache beschleunigen sogar die Kenntnisse in der zweiten Sprache.

Letztendlich holen die Kinder mit zunehmendem Alter die entstandenen „Lücken“ wieder auf. Wichtig ist hierbei für Eltern darauf zu achten die Sprachen nicht miteinander zu vermischen. Dabei sollte man die Kinder möglichst nicht aktiv auf ihre Fehler hinweisen, sondern spielerisch korrigieren, um Enttäuschungen zu vermeiden und ihnen nicht die Motivation zu nehmen. Auch zwingen darf man sein Kind in keinen Fall.

Bilinguale Einrichtungen

Um die Zweisprachigkeit zu unterstützen und zu festigen, gibt es heutzutage auch die Möglichkeit sein Kind in eine zweisprachige Kita oder Schule zu schicken. Dort erfolgt der Erwerb der zweiten Sprache ausschließlich nach Prinzipien des Mutterspracherwerbs. Kinder werden in das Umfeld der jeweiligen Sprache versetzt. Die Betreuung und der Unterricht finden in der Zielsprache statt.

So kann der Zweitspracherwerb zusätzlich gestärkt werden. Aber auch einsprachig aufwachsende Kinder bekommen somit die Möglichkeit bilingual zu werden. Diese Methode nennt sich Immersion.

Was denkt Ihr? Kann man zwei unterschiedliche Sprachen auf einem absolut gleichen Niveau beherrschen oder ist das eher eine Wunschvorstellung?

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